Ausflippen.
Anleitung für einen Ausnahmezustand.
Leseprobe
Auszüge aus Kapitel 2
Optimismus: Alles wird gut. Vielleicht. Aber anders.
Würde mich jemand dazu auffordern, ein Ranking zu erstellen mit den drei wichtigsten Kernkompetenzen oder besser gesagt Charaktereigenschaften, die ich mir selbst zuschreibe, würde ich schätzungsweise Folgende nennen:
Platz 1 Empathie
Platz 2 Toleranz
Platz 3 Selbstbewusstsein
Danach folgen Humor, Disziplin, Durchsetzungsstärke, Organisationstalent, Offenheit, Neugier und Ehrlichkeit (da möchte ich jetzt allerdings keine Plätze mehr vergeben, diese Eigenschaften und Fähigkeiten sind stark tagesform- und „Mensch, der mir gegenüber steht“-abhängig).
Optimismus würde mit viel Mühe – ähnlich vielleicht wie Deutschland auf der Liste „die glücklichsten Länder weltweit“ – höchstens auf Platz 22 landen. Nicht ganz am Ende, aber leider dann doch eher im gräulich gefärbten Mittelfeld. Eigentlich ist aber auch das nicht die ganze Wahrheit, denn: Ich bin nicht optimistisch. War ich noch nie. Um es noch präziser auszudrücken: Ich gehe gern vom Schlimmsten aus. Führerschein, Abitur, Aufnahmeprüfung an der Journalistenschule, Bewerbungsgespräche, Präsentationen für große Etats, Workshop-Leitungen, ach, ich könnte noch 30 Beispiele nennen: Ich nehme grundsätzlich an, dass alles schiefgeht und ich grandios scheitern werde. Mein Freund ist da anders, der visualisiert einfach alles. Oder schickt Wünsche ans Universum: wenn wir im Hamburger Schanzenviertel abends um halb acht einen Park-platz für seinen Kombi brauchen (kommt in der Wahrscheinlichkeit direkt hinter dem Gewinn des Eurojackpots), wenn er den Zuschlag für ein neues Projekt will oder wenn er Tickets für die Basketball-EM sucht, die seit Wochen ausverkauft ist. Da ist also deutlich mehr positive Einstellung auf seiner Seite. Und weil er eben so tickt und nicht so wie ich, hält er mir (mit wirklich bewundernswertem Durchhaltevermögen) seit anderthalb Jahren pro Woche mindestens einen Ted-Talk darüber, warum meine Selbstständigkeit sehr wohl ein Erfolg werden wird, während ich nach wie vor regelmäßig „Alte Frau sammelt Flaschen“-Visionen habe, wenn ich an meine Zukunft denke. Kurz: In oben imaginierte Aufzählung könnte ich spielend auch noch „Worst Case Szenario“-Creator setzen. Ich lebe frei nach dem Motto: Wenn ichvom Nullpunkt ausgehe, bin ich aufs Desaster bestens vorbereitet.
Dass ich kein bisschen übertreibe, sieht man auch daran, dass zwar nichts von den angesprochenen Dingen tatsächlich schiefgegangen ist – ich habe in meinem ganzen Leben noch keine wirklich katastrophale Niederlage hingelegt –, dass mein Gehirn aber trotzdem nicht in der Lage zu sein scheint, den Gedanken „Es ist bisher alles gut gegangen, es wird auch dieses Mal gut gehen“, zu formulieren. Meine Lernkurve ist stattdessen eine Flatline und Optimismus in meinem Genom offenbar nicht angelegt.
Jetzt muss man natürlich auch zugeben, dass die Welt es einem gerade generell nicht sehr leicht macht, optimistisch zu sein, zu bleiben oder sogar zu werden. Die Morningroutine der meisten von uns beginnt ja nicht mit einem Glas gesundem Apfelessigwasser und Porridge mit Mandelmus, sondern mit diversen Pushnachrichten, die uns über die globalen und nationalen Ausnahmezustände informieren, und das bereits, wenn wir den Wecker am Smartphone ausstellen. Irre Typen um die 70 everywhere und alle versuchen, ihr gestörtes Ego aufzupimpen, indem sie Minderheiten drangsalieren, die Weltwirtschaft mit einem Handelskrieg überziehen oder Länder einnehmen, die ihnen nicht gehören. Wahlweise löschen sie sie einfach komplett aus. Noch vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir im Kino mit einem wohligen Schauer das Popcorn aus den Zäh-nen gepult, wenn auf der Leinwand die Welt unterging – schön gruselig, aber auch schön unrealistisch. Heutzutage bleibt mir dasselbige bei solchen Szenen eher im Hals stecken – alles irgendwie gar nicht mehr so weit weg.
Dazu kommt der Tagesvorrat an real existierenden eigenen Problemen, der gelöst oder zumindest verwaltet werden will: die Nacht verklappen, die auch dieses Mal nur sechs Stunden hatte. Wieder alleine den Jahresurlaub für fünf Leute durchorganisieren, buchen und an die Sonnencreme denken. Das Herzrasen ignorieren, das zwischendurch durch die Brust jagt. Die Kolleg:innen vertreten, die krank oder in den Ferien oder beides sind. Die pubertierenden Kinder verstehen und aushalten, obwohl einem die eigenen Hormone um die Ohren fliegen. Zum Arzt rennen, zum Supermarkt rennen, zum Yoga rennen. Die Panik wegatmen, die das alles auslöst. Eine Nachbarin von mir, etwa Mitte 40, voll berufstätig, alleinerziehend mit einem kleinen und einem mittelgroßen Sohn, ist eine Zeitlang regelmäßig morgens auf der Straße in Tränen ausgebrochen, während sie die Kinder auf ihre Fahrräder packte – einfach nur, weil es 7 Uhr 45 war und ihr Erschöpfungspegel bereits umdiese Uhrzeit sehr weit nach rechts ausschlug.
Mir – wie wahrscheinlich allen – ist einleuchtend, dass man durch all das sicherlich besser durchkommt, wenn man eine optimistische Grundhaltung an den Tag legt und das berühmte Glas darum immer halb voll ist. Wenn man trotz Stress, Klimakatastrophe und Wadenkrämpfen nachts um halb drei zuversichtlich nach vorn schaut. Oder zumindest in die nächste Woche. Und wenn man bei (wohlgemeinten, ich weiß …) Ratschlägen und Aufmunterungen wie „Denk positiv“, „Alles wird gut“ und „Lächel doch mal“ keine Gewaltfantasien bekommt (Lächel doch mal … echt jetzt?). Stellt sich also die etwas lästige Frage: Wie geht das? Wo kommen sie her, die Zuversicht und das „positive Mindset“, mit denen alles ganz sicher so viel leichter ginge. (…)
Das Positive am Negativen
Mit Anfang 20 habe ich etwa zwei Jahre lang an einer Angststörung gelitten. Die erste Panikattacke bekam ich beim Autofahren, da dachte ich noch, es sei der Kreislauf. Ich vergaß sie so schnell, wie sie gekommen war. Die zweite überrollte mich einige Zeit später an einem Abend in meiner ersten eigenen Wohnung. Und zwar mit solcher Heftigkeit, dass ich zu meinen Eltern fuhr, bei ihnen im Schlafzimmer übernachtete und nie wieder in diese Wohnung zurückkehrte. Im Laufe der nächsten Wochen schränkte sich mein Aktionsradius immer weiter ein – ich konnte nicht mehr zur Uni fahren, an Ausgehen war nicht zu denken, ich war nicht mehr in der Lage, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder in den Supermarkt zu gehen. Irgendwann schaffte ich nicht mal mehr den Weg zum nächsten Briefkasten und der war 150 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Ich hasste die Angst. Ich hasste, dass sie mir mein ganzes Leben wegnahm. Und ich hatte Angst vor der Angst und nicht die leiseste Ahnung, wie ich mit dieser Bedrohungslage irgendwann mal wieder ein einigermaßen funktionierendes Leben führen sollte. Der Therapeut, bei dem ich in dieser Zeit wöchentlich saß, sagte irgendwann sinngemäß zu mir: „Angst ist ja was Gutes.“ Ich kann mich nach über 30 Jahren nicht mehr genau an meine Reaktion erinnern, aber ich vermute, ich habe in diesem Moment stark daran gezweifelt, wer von uns beiden eigentlich der Patient ist. Was genau sollte an diesem Zustand, in dem ich mich befand, gut sein?
Angst, Wut, Trauer oder Zorn sind ohne Frage Gefühle, die uns belasten, uns vorübergehend aus dem Leben werfen können, uns überfordern. „Aber sie haben auch eine wichtige Funktion“, sagt Astrid Schütz. „Sie fordern uns zum Beispiel auf, aufzubrechen, Grenzen zu setzen oder einen großen Verlust wahrzunehmen, damit wir ihn loslassen können.“ Gerade Angst oder Wut spielen tatsächlich auch evolutionär eine wichtige Rolle. Beide Emotionen aktivieren die Amygdala (eine kleine, mandelförmige Struktur im Hirn), die im Körper die „Kampf oder Flucht“-Reaktion auslösen kann. Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, der Körper macht sich bereit zu fliehen. Oder eben zu kämpfen.
Jetzt haben wir natürlich heute – zumindest in der westlichen Welt – so gut wie keine Gründe mehr, vor einer Gefahr zu fliehen (es sei denn, wir gehen als Frau nachts um zwei alleinnach Hause und/oder gehören der LG BTQIA+-, BIPoC- oder anderen marginalisierten Communitys an – dann gehört das Gefühl, flüchten zu müssen, leider immer noch oder schon wieder zum Alltag), aber eine Bedrohung ist ja nicht nur dann eine Bedrohung, wenn sie sich in Form eines T-Rex zeigt.
Manchmal ist sie eine Beziehung, die schon lange nicht mehr funktioniert, eine permanente Über- oder Unterforderung im Job, ein Dauerkonflikt oder ein Status quo, in dem man sich nicht mehr wohlfühlt. Astrid Schütz rät, negative Gefühle nicht nur als „schlecht“ abzutun, sondern sie vielmehr als Signal und Handlungsaufforderung zu verstehen. Auch das also so eine Art Reframing: Statt die Gefühle als das Problem zu sehen, das wir bewältigen müssen (in den meisten Fällen heißt das, sie zu verdrängen oder zu ignorieren), sollten wir sie vielmehr als eingebautes Alarmsystem sehen und sie konstruktiv nutzen, um das eigentliche Problem zu lösen.
„Ich bin morgens immer öfter wie gerädert aufgewacht und habe mich gefühlt, als hätte ich die Nacht durch gemacht. Mir sind ständig Namen entfallen, im Job habe ich meine Unterlagen verlegt oder Wortfindungs störungen gehabt – ziemlich blöd, wenn man ständig ,die Dings‘ sagen muss, weil einem der richtige Begriff fehlt. Ich hätte dauernd heulen können. Erst dachte ich, das ist nur der Stress, dann hab ich ein bisschen rumgegoogelt und was über die Wechseljahre gelesen. Passte alles. Irgendwo stand: ,Du bist nicht kaputt oder krank, du bist in der Transformation.‘ Ich wollte mich aber eigentlich gar nicht transformieren, dazu hatte ich auch keine Kraft. Ich wollte nur, dass mein Alltag wieder ganz normal wird. Ohne Panik, irgendwas zu vergessen oder den Überblick zu verlieren. Eine Freundin hat mir dann einen Podcast empfohlen, in dem es auch um die Wechseljahre ging. Ich fand den auch anfangs ganz gut, weil ich einfach viel erfahren habe über die körperlichen Veränderungen, aber ich muss zugeben, dass mir das Gerede über die Chance, die das jetzt sei, etwas auf die Nerven gegangen ist. Ich hab mich einfach schlecht gefühlt und war ständig in Sorge, dass ich alles nur noch falsch mache. Ich hatte zu der Zeit nämlich auch noch einen neuen Kollegen, der den ganzen Tag jung dynamisch um mich rumsprang und mir tatsächlich irgendwann erklärte, er habe den Eindruck, ich würde den Teamspirit stören. Das hat mich extrem sauer ge macht, ich hab danach trotzdem permanent versucht, mich mehr zusammenzureißen. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr: In einer Redaktionskonferenz bin ich völlig ausgerastet und habe meinen Chef angebrüllt, ich würde jetzt auch gern mal ausreden wollen und ob das nicht ginge, weil ich eine Frau bin und ihn darum meine Meinung nicht interessiere. Erst stand ich selbst unter Schock, aber ganz ehrlich, so peinlich das auch war, mir hat das eigentlich richtig gut getan. Ich hab mich später natürlich bei meinem Chef entschuldigt, ich hab ihm aber tatsächlich auch erklärt, warum es mir gerade nicht gut geht. Ich glaube, das war ihm mindestens genauso unangenehm wie mein Ausraster, aber ich fand mich wahnsinnig mutig. Und wir haben uns am Ende darauf geeinigt, dass ich in Zukunft flexibler arbeiten und so hin und wieder mal Pause machen kann, wenn ich sie brauche.“ — Carola, 48, Textchefin
Gerade Wut zeigt an, dass eine Grenze überschritten wurde, sie ist quasi der Höhepunkt von etwas, das uns schon länger gegen den Strich geht oder uns belastet und sagt: So, meine Liebe, Zeit, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, oder? Wut kann also zu einer richtigen Kraftquelle werden, weil sie uns im Grunde mit motivierender Energie überflutet – wenn wir sie dann zulassen. Leider gibt’s da ein Problem: Bei Frauen ist Wut nicht erwünscht.