Food Noise
in den Wechseljahren

Wenn der Kopf nur noch ans Essen denkt

Wie viele Frauen habe auch ich einen Großteil meines bisherigen Lebens damit verbracht, mein Gewicht zu kontrollieren. Oder eher zu reduzieren. Mit 14 fand ich mich zum ersten Mal zu dick, das zog sich durch bis ich etwa 40 war. Jahrelang drehten sich meine Gedanken phasenweise ausschließlich ums Essen.

„Heute starte ich gesund mit Müsli mit Joghurt. Die Schokolade nach dem Essen gestern Abend hätte ich mir sparen können. Heute weniger. Zum Mittagessen nur Salat. Mit Hühnchen? Lieber ohne, dann kann ich nachmittags... Nein. Kein Snack heute. Am Samstag bin ich zum Geburtstag eingeladen. Da gibt's Kuchen. Und Fingerfood. Bis dahin muus ich aufpassen. Also heute Abend ganz auf Kohlenhydrate verzichten? Habe ich genug Eiweiß im Müsli? Vielleicht ein Ei dazu? Nein, dann ist es zu viel. Aber wenn ich mittags nur Salat esse, dann fehlt mir Protein. Was haben wir eigentlich noch im Kühlschrank? Könnte gleich direkt das Mittagessen vorbereiten, dann habe ich mehr Kontrolle. Nur, wenn ich das jetzt schon vorbereite, esse ich es vielleicht schon um elf. Vielleicht esse ich nachher doch noch einen Apfel. Oder Nüsse? Nüsse haben aber viele Kalorien. Lieber den Apfel. Oder gar nichts. Durchhalten bis mittags.“

FOOD NOISE ist der (neue) Begriff für solche anhaltenden, aufdringlichen und vor allem belastenden Essensgedanken, die meist unabhängig von körperlichem Hunger sind. Und die mit Schuld, Kontrolle, Verzicht und Belohnung verbunden sind.

Die Wissenschaft kennt ein ähnliches Phänomen unter der Bezeichnung “food cue reactivity” schon lange: Es beschreibt die Reaktion unseres Gehirns auf Essensreize – also darauf, wenn man Nahrung sieht, riecht, daran denkt oder emotional getriggert wird. Je stärker diese Reaktivität ausgeprägt ist, desto intensiver werden Aufmerksamkeit, Verlangen und gedankliche Beschäftigung mit Essen. Problematisch wird es, wenn diese Reaktivität überproportional stark oder dauerhaft aktiv ist – etwa durch Stress, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen oder ständige Diätversuche. Dann wird aus einer gesunden Aufmerksamkeit so eine Art Dauerrauschen im Kopf.

Mit den Wechseljahren kann dieses Dauerrauschen (wieder) deutlich lauter werden: Der sinkende Östrogenspiegel beeinflusst die Regulation von Hunger und Sättigung im Gehirn und wie sensibel man auf Appetitsignale reagiert. Gleichzeitig schlafen viele Frauen schlechter – Schlafmangel erhöht das Verlangen nach Essen und schnell verfügbarer Energie. Dazu kommen chronischer Stress, der die Reaktion des Gehirns auf Belohnungsreize ändern kann, und die Veränderung des eigenen Körpers: andere Gewichtsverteilung, vermehrtes Bauchfett, abnehmende Muskelmasse.

Dazu kommt ein neuer Trigger, den es vor zehn Jahren in dieser Form noch gar nicht gab: ein nahezu ununterbrochenes Dauerfeuer an Ernährungsempfehlungen auf Social-Media-Plattformen wie Instagram:

Mehr Protein. Weniger Kohlenhydrate. Mach Intervallfasten. Lass den Zucker weg. Keinen Kaffee auf nüchternen Magen. Haferflocken sind Superfood. Haferflocken treiben den Blutzucker hoch. Hafermilch auch. Iss doch einfach intuitiv. Aber kontrollier deine Makros. Nimm ja keinen Süßstoff. Aber unbedingt Kreatin. Back alles mit Hüttenkäse und Datteln. Trink Aminos. Aber bloß keine Cola light.

Kaum ein Lebensbereich wird in den sozialen Medien so umfassend kommentiert, bewertet und moralisch aufgeladen wie die Ernährung.

Durch all das können die “Selbstüberwachung” und die Beschäftigung mit dem “richtigen” Essen extrem werden - weil alle Strategien, die jahrelang funktioniert haben, plötzlich ins Leere laufen, der Körper selbst auf strengste Disziplin nicht mehr reagiert und Frauen das als persönliches Versagen interpretieren.

Und das kann ernste Folgen haben: ständige Schuldgefühle, noch mehr Stress, eine immer rigidere Einteilung in „gute“ und „böse“ Lebensmittel, Heißhungerattacken, Gewichtszunahme, Einstieg in gestörtes oder krankhaftes Essverhalten.

Vor allem aber kostet es Kraft. Und Lebensqualität.

Die Anzeichen von Food Noise und was helfen kann… hier weiterlesen